Gitarre Üben

Meine Übe-Philosophie

 

Früh morgens mit einem Kaffee in der Hand, nehme ich Platz an meinem Schreibtisch. Die Gitarre löse ich aus der Wandhalterung und beginne wie jeden Tag meine 1-2 Stunden-Übe-Routine. Nach über 15 Jahren Gitarre-Üben bereitet es mir immer noch Freude und ist für mich einer der wichtigsten Punkte in meinem Alltag. Über die Jahre befand sich meine Übe-Zeit in einem stetigen Wandel. Von den Anfängen, wo eine halbe Stunde pro Tag schon das Optimum war, bis hin zur Studienzeit, wo ich teilweise über 7 Stunden am Instrument zu Hause verbracht habe. Doch nicht nur die Dauer der Übezeit befand sich in einem stetigen Wandel, auch die Themen die ich als wichtig erachtet habe, als auch WIE ich übe. In diesem Beitrag möchte ich meine Erfahrungen und meinen Jetzt-Stand dir näher bringen. Auf keinen Fall erhebe ich den Anspruch zu wissen, was der perfekte Übe-Plan beinhaltet oder wie der goldene Weg verläuft. Aufgrund der individuellen Verschiedenheiten aller Musikerinnen und Musikern in ihren Zielen, Fähigkeiten und Talenten braucht jeder eine eigene Taktik wie sie oder er sich ein perfektes Übe-Konzept zusammen zimmert. Jedoch kann ich mittlerweile auf einen Erfahrungsschatz zurückgreifen, der dich hoffentlich von Fehlern bewahrt, die ich gemacht habe und dir vielleicht neue Denkanstöße zu diesem Thema geben.

 

Erstellung eines Übeplans

Bringe Struktur in dein Übe-Leben

Um langfristig ein fundiertes Können auf der Gitarre zu garantieren, ist für mich die Erstellung und die darauffolgende Einhaltung eines Plans essenziell wichtig. Angenommen du hast 4 Bereiche, in denen du dich verbessern willst. Hier als Beispiel nehmen wir die Themenbereiche:

DREIKLÄNGE – IMPROVISATION – BLATTLESEN – TECHNIK

Soweit so gut. Erstmal aufgeschrieben, läuft man nicht Gefahr einen Punkt auszulassen, dies wird vor allem dann wichtig wenn es sich um mehr Themenbereiche handelt. Kommen wir nun zur nächsten wichtigen Frage:

 

Die ideale Übezeit pro Thema

Leider habe ich mich mit diesem Thema erst in meiner Zeit als Student beschäftigt. Vorher übte ich einfach drauf los. Dabei hatte ich oft das Problem, nach einiger Zeit keinen mentalen Fokus mehr auf das gewünschte Thema zusammen zu bringen. Mein damaliger Gitarrenprofessor in Wien Wolfgang Pointner (Link: Wolfgang Pointner) brachte mich auf die „Pomodoro-Technik“. Zusammengefasst versuchte man auf empirischer Basis zu ermitteln, wie der perfekte Lerntag für Studentinnen und Studenten zeitlich zusammengesetzt ist. Das Ergebnis: Die produktivsten Studierenden widmeten sich 25 Minuten pro Thema. Danach machten sie eine 5 minütige Pause. Dies bildet eine Pomodoro-Einheit. Nach 4 Einheiten, also 2 Stunden, wird eine Pause von mindestens 15 Minuten empfohlen. Wenn du dich näher mit dieser Technik auseinander setzen willst, empfehle ich den aussagekräften Wikipedia-Artikel: (LINK: Wikipedia)
Seit mehreren Jahren wende ich, mit Hilfe einer App, dieses Konzept in meinem Übe-Alltag an. Für mich war es wirklich ein „Game-Changer“. 25 Minuten klingen für den Anfang vielleicht nach relativ wenig, vor allem für einen Musikstudenten. Allerdings will man sich fokussiert auf EIN Thema einlassen, ist es wirklich perfekt. Erstmals überwiegte das Gefühl, dass sich während meiner Übe-Zeit so etwas wie kleine „Flow“-Phasen einstellten und dadurch die Zeit in windeseile verstrich. Durch die simple Anwendung ist es auch einem selbst überlassen, ob man sich eine klassische Eieruhr besorgt, den Smartphone-Timer benutzt oder auf eine App-Lösung zurückgreift.

 

Gitarre Üben ohne Ablenkungen

Zugegeben, wenn Ablenkungen und die heutige Zeit zusammengenommen werden, kann man viele Fakten über die anscheinend verloren gehende Fähigkeit, sich auf eine Sache zu konzentrieren lesen. Auf unser Thema umgemünzt geht es mir hier nicht um ökonomische oder Effizienz-Gründe, sondern ganz simpel um die qualitative Steigerung der Zeit, die man sich dem Instrument widmet. Egal ob man Familie hat, der Job einen einspannt, das Studium viel Lernzeit beansprucht oder man noch in der Schule steckt, ist die zur verfügbar habende Zeit, um sich auf der Gitarre zu verbessern oder zu spielen, in den meisten Fällen begrenzt.
Umso wichtiger ist es, diese Zeit ohne sämtliche Benachrichtigungen zu verbringen. Ich selbst habe immer folgendes Ritual bevor ich Üben beginne:
Mail-Programm wird geschlossen, das Smartphone abgedreht und außer Sichtweite gebracht, außerdem aktiviere ich immer eine App die es mir nicht erlaubt auf soziale Medien oder Streaming-Dienste zu gelangen. Als jemand, der früher extrem viel wertvolle Übe-Zeit im Netzt verschwendet hat, musste ich über kurz oder lang solche Maßnahmen für mich treffen.
Mit ein bisschen Disziplin gewann ich dadurch wieder den Zustand zurück, als ich noch selbst am Anfang meiner Gitarristen-Karriere stand. Da gab es nur mein Instrument und mich, keine E-Mail-Benachrichtigung, kein vibrierendes Smartphone und keine Messenger-Pings. Diese Abwesenheit von Störungen, die mich aus meinem Flow-Zustand herausreissen können, führte zu einem massiven Upgrade meiner Übe-Zeit, für die ich wirklich dankbar bin, und ich freue mich jedes Mal aufs Neue zu üben und die restlichen alltäglichen Probleme mal für diese Zeit bewusst bei Seite zu stellen. Üben entwickelte sich für mich auch zu einem Art mentalen Detox-Programm. Ähnlich wie wenn ich ein Buch lese, darf ich in eine andere geistige Welt eintauchen.

 

Tag A und B

Der Timer ist auf 25 Minuten aktiviert, alle technischen Geräte auf stumm oder abgestellt, die Themen denen wir uns widmen wollen sind definiert. Jetzt ist nur mehr die Frage, wie wir die Themen-Blöcke anordnen. Die einfachste Methode wäre alle 4 Themenbereiche zu ordnen, dabei hat es sich bei mir als sinnvoll erwiesen, Bereiche in denen man sich besonders stark verausgaben kann, wie zum Beispiel Technik, eher an den Schluss zu setzen. Somit können sich nachher deine Finger in Ruhe regenerieren.
Der an der MDW lehrende Gitarrist Heimo Trixner, brachte mich auf die Idee anstatt an einem Tag alle Themenblöcke zu bearbeiten, lieber einen Tag dazwischen zu lassen. Die Hälfte der Themenbereiche werden am Tag A behandelt und die restlichen am Tag B. Angenommen wir haben 4 Einheiten pro Tag zur Verfügung, kann man dadurch das doppelte also an 8 Themen problemlos üben. Nach meiner anfänglichen Skepsis hinsichtlich der Frage wie effizient dieser Übe-Rhythmus ist, war ich innerhalb einer Woche schon ein Fan dieser Vorgehensweise. Widmet man sich zum Beispiel einer Technik-Übung und wiederholt diese jeden Tag aufs Neue, läuft man Gefahr, sie als geistig eintönig zu empfinden oder dass die Finger aufgrund der einseitigen Belastung schnell müde werden. Durch diesen einen Tag Pause, in denen man sich komplett anderen Dingen zuwendet, kommt man geistig frisch mit regenerierten Fingern wieder zu dem jeweiligen Thema.
Ein typischer Tag A/B-Plan sieht bei mir in etwa so aus:

Montag Dienstag Mittwoch Donnerstag Freitag Samstag
Arrangements Transkription/Adaption Arrangements Transkription/Adaption Arrangements Transkription/Adaption
Dreiklänge Skalen Dreiklänge Skalen Dreiklänge Skalen
Improvisation/Motivvariationen Timing Improvisation/Motivvariationen Timing Improvisation/Motivvariationen Timing
Technik Gehörbildung Technik Gehörbildung Technik Gehörbildung
 
 
 

Resümee

Die genannten Konzepte und Tipps haben sich für mich im Laufe der Jahre als absolut essenziell herausgestellt. Dies ist wohl auch ein Resultat des ständigen Strebens nach Optimierung in meinem musikalischen Lernprozess. Wichtig ist mir auch zu betonen, dass ich nie den Spaß aus den Augen gelassen habe. Am Schluss einer noch so harten Übe-Session muss etwas sein das mir Freude bereitet, mit dem ich mich belohne. Sei es ein freier Jam, eine Improvisation über einen Tune oder ein Stück, das ich schon beherrsche und sehr gerne spiele. Unser Leben ist meiner Meinung nach zu kurz um Sachen zu üben die einem komplett sinnlos und langweilig vorkommen. Es gibt so unendlich viele großartige Musikerinnen und Musiker auf dieser Welt, die alle unterschiedliche Ideen und Aussagen haben. Suche dir deine Helden heraus und analysiere ihr Spielen. Was können diese, was dir noch fehlt?
Natürlich gibt es Basis-Themen wie Skalen oder Akkorde, denen man nicht auskommt. Wie auch bei einer Sprache, muss ich in der Musik fähig sein, die rudimentärsten Vokabeln und Grammatik-Regeln zu beherrschen. Wie soll ich einen Song gut begleiten können, wenn ich nicht einmal weiß, wie ich Dreiklänge auf der Gitarre spiele?
Hast du deinen perfekten Übe-Plan gefunden, empfehle ich, diesen mindestens 3 Monate durchzuarbeiten, egal ob sich zwischendurch Zweifel auftun. Frei nach dem berühmten „Make a Plan – Work the Plan“: Halte an deinem Plan für eine vorher festgelegte Zeit fest. Nach dieser Zeit, kann man sich wieder kritisch damit auseinandersetzen. Wie gut sind die Fortschritte die man gemacht hat? Braucht es jetzt vollkommen neue Bereiche denen man sich widmen soll?
Eines ist auf jeden Fall gewiss: Mit dem Üben ist man als Musikerin und Musiker nie fertig. In diesem Sinne wünsche ich dir frohes Schaffen und viele schöne Übe-Stunden auf deinem Instrument!

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